Die besonderen Charismen des Hl. Franziskus (nach der Legenda Maior)
Vortrag von Univ.-Prof. em. Marianne Schlosser
Artikel von: Eva Jagenbrein (Franziskanische Jugend Wien)
Am 17.01.2026 fand ein vom OFS Wien, der Franziskanische Jugend Wien und dem Franziskanerkloster in Wien organisierter Vortrag von Univ.-Prof. em. Marianne Schlosser zum Thema „Die besonderen Charismen des Hl. Franziskus (nach der Legenda Maior)“ statt. Veranstaltungsort war hierfür das alte Refektorium des Klosters.
Univ.-Prof. em. Marianne Schlosser widmet sich in ihrer Forschung besonders den Bettelorden, der Spiritualität der lateinischen Patristik sowie der Übersetzung und Vermittlung von Quellentexten. Hervorgehoben sei hier ihre Neuübersetzung und Überarbeitung der Legenda Maior, der Franziskus-Vita von Bonaventura. Von 2004 bis zu ihrer Pensionierung 2025 war sie Professorin für Theologie der Spiritualität an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien sowie Vorständin des Fachbereichs Theologie der Spiritualität. Darüber hinaus ist sie Mitglied in der päpstlichen Internationalen Theologischen Kommission.
In ihrem Vortrag behandelte Prof. Schlosser die Fragen: Was ist eine Legende? Wie, wann und warum entstand die Legenda Maior? Wer war Bonaventura? Was waren seine Absichten bei der Legenda Maior? Und schließlich auch das Hauptthema: die von Bonaventura beschriebenen besonderen Charismen des Hl. Franziskus. Diese beschreibt er in den Kapiteln 5-13 der Legenda Maior.
Legende leitet sich von lat. legendum esse (= ein zu Lesendes) ab. Eine Legende ist also ein Text, der zu lesen ist – den man gelesen haben sollte. Die Legenda Maior hat Bonaventura 1257 oder 1260 im Auftrag des Generalkapitels für die Tischlesung in den Klöstern an den franziskanischen Festtagen geschaffen.
Bonaventura wurde in der Nähe von Orvietto geboren und studierte in Paris Philosophie und Theologie. 1258 wurde er Generalminister, nachdem er von seinem Vorgänger, der der häretischen Bewegung von Joachim von Fiore anhing, für dieses Amt vorgeschlagen wurde. Um diese Zeit war der Franziskanerorden sehr gespalten: Den einen war es nicht radikal genug und sie wollten zurück zum Ursprung. Andere hielten ebendiesen für unerreichbar und wurden lasch. Wieder andere verfielen der Häresie, da sie mit Berufung auf Joachim von Fiore meinten, 1260 würde die Endzeit anbrechen und die Franziskaner würden wie Elija und Johannes dem Täufer dem Wiederkommenden Christus vorrausgehen.
Bonaventura wollte in seiner Legende Franziskus als Vorbild darstellen. Er besuchte die letzten noch lebenden Gefährten der ersten Generation. Als einen Teil der Legenda Maior beschreibt Bonaventura die Charismen von Franziskus. Charismen sind Gnadengaben, die man nicht für sich selbst bekommt, sondern für andere – und das entweder temporär oder dauerhaft. Franziskus besaß nach Bonaventura gewisse Anlagen von Natur aus, wie z. B. ein weiches Herz bzw. ein tiefes Mitgefühl mit den Anderen. Außerdem wollte Franziskus durch die Strenge des Lebens von den irdischen, schönen Dingen freiwerden, und mit diesem Freiwerden beginnt ein Paradies. Ein weiteres Charisma ist seine Pietas, das oft mit Frömmigkeit übersetzt wird, jedoch weitaus mehr sei als diese und eigentlich schwer zu übersetzen sei, so Schlosser. Schließlich ist Franziskus auch ein Vorbild in der Kontemplation, weil er alle Geschöpfe als Leiter zu Gott benützte. Er zog die Freude aus den Geschöpfen, ohne sie zu missbrauchen. Die Voraussetzung für die Kontemplation ist nach Bonaventura letztlich die Liebe, die jedes christliche Leben prägen soll.
Im Anschluss an den Vortrag gab es die Möglichkeit, Rückfragen zu stellen und mit Frau Prof. Schlosser ins Gespräch zu kommen. Die Messe und eine Agape rundeten die Veranstaltung ab – ein gelungener Auftakt zum 800-jährigen Jubiläumsjahr des Heimgangs des hl. Franziskus.
Links:
Curriculum Univ.-Prof. em. Marianne Schlosser: https://ts-ktf.univie.ac.at/ueber-uns/wissenschaftliches-personal/marianne-schlosser/curriculum-vitae/
Franziskus-Quellen digital: https://archive.org/details/franziskusquelle0000unse/mode/2up (Anmeldung erforderlich)






